Ein Zeitungsartikel über Schulschiff Deutschland
 
Juni 1974
 
BUNDESMARINE
 
Django, der Reichsführer

An Bord des Schulschiffes „Deutschland„ veranstalteten alkoholisierte Maate am Vorabend von Hitlers Geburtstag ein peinliches Fest.

Sie lagen vor Acapulco und hatten Musik an Bord: das Horst-Wessel­Lied, das Engelland-Lied, die Erika und Märkische Heide, märkischer Sand.

Im Unteroffizier-Wohndeck feierten die Maate des Schulschiffs „Deutschland" der Bundesmarine am Vorabend ein Beförderungsfest als NS-Feier: Vorschriftswidrig trugen die Festgäste zu blauen Hosen braune Khaki-Hemden der Tropenuniform, drei verzierten den Freizeitdress mit selbst gemachten Hakenkreuz-Armhinden.

Im vollbesetzten Wohndeck schmetterten die bierseligen Repräsentanten des neuen Deutschland -- unterstützt vom Tonband -- ihre Kampflieder mit einer solchen Lautstärke, daß der Radau bis in die Kammer des Ersten Offiziers schallte. Fregattenkapitän Klaus Schütte, verantwortlich für die Disziplin auf dem größten Schiff der Bundesmarine, eilte, den ungebührlichen Lärm zu dämpfen.

Schulschiff „Deutschland" vor Südamerika. Fete mit Braunhemd und Hakenkreuz von Hitlers Geburtstag, im Braunhemd, mit Hakenkreuzarmbinde und „Deutschem Gruß".

Mit 456 Mann Besatzung war die „Deutschland" auf der 42. Auslands­Ausbildungsreise. 145 Tage lang, von Anfang Februar bis Ende Juni 1973, repräsentierten deutsche Seeleute die Bundesrepublik in acht Ländern. Nach Passieren des Panama-Kanals und Besuchen in Peru. EI Salvador und San Francisco schwärmten die Lords im kanadischen Vancouver zum Einkaufen aus. Als die „Deutschland" drei Tage später wieder auslief, war brisante Fracht an Bord: ein Tonband mit Naziliedern, Marschmusik und Führerreden, aufgenommen von der US-Schallplatte „Hitlers Inferno".

Kurz vor dem mexikanischen Luxusbadeort Acapulco organisierten acht Maate und der zivile Bordfriseur Achim („Django") Zabel am 19. April

Als Schütte am Tatort erschien. erin­nerte sich der Admi­ralstäbler beim An­blick der jungen Kameraden - alle zwischen 20 und 23 Jahre alt -- an die „Richtlinien für das Verhalten gegenüber betrunkenen Solda­ten". Danach sollen Vorgesetzte .,sachlich und ruhig auftreten, Befehle möglichst vermeiden und den Betrunkenen in betont kameradschaftlicher Weise ansprechen". Schütte setzte sich zu den blauen Maaten in Braun und hielt Vortrag über die Geschmacklosigkeit ihrer NS-Fete auf einem Schiff mit fast 500 Mann Besatzung, darunter ein Franzose, zwei Algerier und drei Äthiopier. Ein Zeuge berichtet: „Er hat ihnen noch mal gesagt vom Nürnberger Gericht und die Schrecknisse der Nazizeit vor Augen gehalten. Das waren ja alles welche, die nach dem Krieg geboren waren:'

Der Erfolg der Philippika blieb mäßig: Nur ein Maat zog sich in seine Koje zurück, die anderen feierten weiter, nachdem Schütte sich verabschiedet hatte. Um elf Uhr nachts schreckte Kapitänleutnant Johannes Findeisen im Technischen Leitstand hoch, als plötzlich Haarkünstler Zähe vor ihm stand: ,.Heil Hitler, ich bin der Reichsführer, legen Sie sofort die Backbordwelle still, sie stört mich beim Schlafen."

Wenig später grüßte ein alkoholisierter Obermaat vorbeikommende Soldaten zackig mit „Heil Hitler" Lind stellte den Obergefreiten Ludwig Stieling barsch zur Rede, weil dieser den „Deutschen Gruß" nicht erwiderte.

Am nächsten Tag war Führers Geburtstag-und Katerstimmung an Bord. Findeisen hatte den nächtlichen Besuch des Bordfigaro dem Kommandanten Kapitän zur See Karl Welz gemeldet. Und Welz war keineswegs bereit, den NS-Radau als karnevalistischen Gag" (Marine-Inspekteur Vizeadmiral Heinz Kühnle) abzutun. Hauptziel des Kommandanten-Zorns: sein Stellvertreter Schütte, mit dem es schon vorher Reibereien gegeben hatte und der, so Welz, sofort hätte hart durch greifen müssen.

Zunächst vor Offizieren, dann vor Vertrauensleuten und schließlich vor der ganzen Besatzung kanzelte Welz den Ersten Offizier und die neun Krawallbrüder ab. Gleichzeitig verdonnerte er alle Soldaten unter Strafandrohung zu absolutem Stillschweigen - und zwar so wirksam, daß erst viele Monate später Einzelheiten durchsickerten. Vier Tage brütete der Kapitän über seinen Akten. Dann meldete er das „besondere Vorkommnis" sogar nach Bonn. per Funk und verschlüsselt.

Weitere 72 Stunden brauchte die peinliche Nachricht dann, bis sie endlich auch den Generalinspekteur der Bundeswehr. Admiral Armin Zimmermann. erreicht hatte: ausgerechnet beim Besuch von Bundespräsident Gustav Heinemann in der Führungsakademie zu Hamburg-Blankenese.

Der Bundespräsident blieb uninformiert, die Bundesmarine „schlug ganz hart zu, und das mußte sie auch" (ein Konteradmiral). Nach dem Einlaufen in Acapuleo gingen Schütte, der inzwischen um seine Ablösung gebeten hatte (Kühnle: .,Wahrscheinlich war er gekränkt vom Vorwurf des Kommandanten"), drei Maate und der Friseur von Bord. in Mexico City bestiegen sie ein Flugzeug Richtung Heimat.

Zu Hause indes fiel das Strafgericht zunächst milde aus. Zwar bemühte Vizeadmiral Günther Luther die Staatsanwaltschaft, doch die Juristen konstatierten lediglich eine „geschmacklose Entgleisung" und stellten die Ermittlungen ein. Die Bundeswehr verhängte Disziplinarmaßnahmen gegen die Maate, je nach Schwere des Falles Ausgangsbeschränkungen oder Arrest. An den Friseur konnten wir nicht ran", bedauert Kühnles Rechtsberater Peter Schöneich. „der ist nun mal Zivilist"

Nur gegen Schütte läuft noch immer ein Disziplinarverfahren vordem Kieler Truppendienstgericht. Und obwohl mittlerweile sogar Inspekteur Kühnle findet, Kapitän Welz, „ein sehr vorsichtiger Offizier", habe „die ganze Sache sehr hoch aufgehängt", ist die Anschuldigungsschrift gegen Schütte „bitterböse" (Schütte-Anwalt Siegbert Seeger).

Am 14. Februar sticht die „Deutschland" wieder in See, diesmal zu einer Reise rund um die Welt. Schütte muß zu Hause bleiben; er schiebt Bürodienst im Wilhelmshavener Marineamt. Die Feier-Maate von Acapulco aber sind alle dabei - auch „Django", der Bader, ist wieder an Bord.