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Eine Nacht auf einem Kriegsschiff im Hafen |
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Es ist gegen 21.00 Uhr. Hein Länglich, der
Bootsknüppel der Wache, trudelt seinen müden Leichnam durch sämtliche Räume des
alten Schlorrens und pfeift mit Liebe und schrillem Ton auf seiner
Bootsmannsmaatenpfeife. Zwischendurch singt er – so ein Mittelding zwischen
Brüllen und Weinen - „Pfeifen und Lunten aus!“
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Das ist das Wiegenlied, das Heia-popeia für die an
Bord gebliebenen Stocker und Feudelsgäste. Zum Teil schaukeln sie schon in ihren
Miefkörben. Die meisten Kumpels sind an Land. Aber diese soliden Männer nicht!
Denken ja gar nicht daran! Die einen haben keine Lust und sagen: “Das wüste
Leben an Land soll jetzt aufhören, von morgen ab stehe ich moralisch höher!“ Das
ist Seelenstärke, Höhentrieb. Die anderen haben auch kein Geld und sagen: „Ich
werde meine scharfen Bügelfalten in dieses Schneegestöber hinausjagen! Denke
nicht dran!“
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Die Luft an Deck
ist ganz ordentlich. So richtig voller Ozon. Na ja, wie so die Akustik
auf
einem Zossen eben ist, wenn sie klar ist. Du
kanns ja nicht verlangen, daß es in einer Gerberei so duftet wie in einem
Blumenladen, daß das Parfüm einer Bäckerei so gut ist wie das einer
Granatverwertungsanstalt-, daß ein dampfender Pferdeapfel die selbe Witterung
hat wie eine
heiße Salzkartoffel. Es ist gut, daß es
nicht so ist. Und so wirst du nicht verlangen, daß auf einem zünftigen Zampan
ein Aroma ist wie bei Johanna Maria Farina gegenüber.
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Der Ozon eines
Kriegsdampfers ist gewürzt mit Geruchsspuren von Teer, Trant Farbe,
Fett, Heizöl, Schmieröl, Salzwasser, Seegras, Kohlen, Pech, Bratkartoffeln,
sauren Heringen, Zwiebeln, Tabak, Bier, Köhm, Ölzeug, Stiefelwichse, Haar
-
Pomade, Seife, Menschen u.
a. m. Alles zusammen gibt eine Luft, die dem
Seemann die Lungen labt, die Wangen rötet, die Augen klärt, die Sinne schärft,
die Muskeln stärkt, das Herz erfreut. Und im Grunde weckt sie ein heimliches,
tiefes, unwiderstehliches, zwingendes Sehnen nach weiten Meeren,
fernen Ländern, fremden Menschen. "Es ist ein Hauch, der wunderbar.. , .“ und
so. Wie gesagt, das ist die Atmosphäre um 21 Uhr.
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Dieser
lächerliche Ozon. Aber so'n richtiger Seelord hat vor nichts Angst, er wird
schon mit dem
bißchen Sauerstoff klarkommen. Erst mal wird
der Ozon dadurch gefangengesetzt, daß man die Bulleyes fest schließt.
Und dann auf ihm! Zuerst kämpfen nur die an Bord gebliebenen Männer gegen die
Frischluft. Aber nach und nach
Schleichen,
torkeln, eilen schwanken, stürzen die Urlauber zur Hilfeleistung herbei. Nun
verschlingen je 15 Lungen in 30 Kubikmeter Raum während der Nacht von dem Ozon,
was sie in unerbittlicher Gier erfassen können; nun arbeiten erhitzte Körper,
mit kosmetischen Raffiniertheiten behaftete Kleidungsstücke, würzige
Schweißmauken, angedunkelte Bananenbezüge, verirrte oder planmäßig verlaufende
Magenwinde, Exhalationen von Köhm, Bier, Grog usw. zielbewußt und erfolgreich
daran, den Sauerstoff zu vernichten. So entsteht ein Hecht, der sich ständig
verdichtet, und der kurz davor ist, in einen andern Aggregatzustand
hinüberzuwechseln. Diesen Hecht kennen Seelords und Landser als freundlichen,
treuen Kameraden, denn warmer Mief ist besser als kalter Ozon,
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Da torfen
sie
nun, die Schwabbersgäste und
Flurplattenindianer, die Lumpenschwenker und Funkenpuster, die Holzwürmer und
Elektromimiker in den Kojenetagen an der Bordwand, in den Schlummerrollen, die
zu zweien und dreien übereinander hängen, in mehreren Lagen hintereinander, so
daß das ganze Deck auch in der Tiefe ausgefüllt ist. Erst schlafen sie
den
Schlaf der Gerechten, dann den des
Chloroformierten. Regelmäßig pusten die Blasebälge! melodisch
krächzen und knurren und fauchen die Sägewerke. Hier zaubert ein beglückender
Traum ein sanftes Stöhnen, ein sehnsuchtsvolles Wimmern hervor; dort fuchtelt
ein Arm in traumhaftem Kampf im Gelände umher; und wieder anderswo entfliehen
unverständliche Worte dem Gehege der Zähne desjenigen, der am Tage seinen
Quatsch nicht hat loswerden können, Sonst aber nichts als Ruhe, bleierne Ruhe,
eingeweckt in die immer dicker werdende Luft, gegen Morgen zwängt sich noch ein
torpedierter Jantje durch das Schott in den Raum. Er tut gut daran, nicht gleich
am Eingang umzufallen und loszumotsen. Denn wehe, wenn er einen mit voller
Hingabe rucksenden Kumpel rammt. Blitzartig fährt eine Hand aus der
Schlummerrollet krallt einen harten Gegenstand, und schon ist die
Fassade reparaturbedürftig. „Koksen“ ist das einzige Mittel, um dem Hecht im
Deck zu entkommen. Also zur Koje entern und mit dem Hängemattengeschwader um die
Wette ruksen. Denn aus weiter Ferne, ganz leise und wie durch Windgeheul
zerrissen, ein zermürbendes pfeifen, leise noch, aber schon durchdringend:
- Reise
. . . Reise . . . aufsteh'n - - - Eine Hand am Sack und eine Hand am Socken,
Seemann bleib noch liegen, es ist erst Locken. - - -Pause. - - - Reise . . .
Reise . . . aufsteh'n - - - Der Geier in die Lüfte steigt, von unten seine Eier
zeigt, - - -Pause. - - - Reise . . . Reise . . . aufsteh'n - - - dann wieder,
und immer wieder. Eine Nacht auf einem Kriegsschiff im Hafen ist zu
ende.
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Auszug aus einer
Unteroffizierszeitung aus dem Jahr 1967. Herkunft unbekannt. Es war nur ein
zerrissenes Blatt in meinen Akten. Da ich nicht alles erkenne konnte, habe ich
die Geschichte vervollständigt. GH.
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